Aktuelles aus den Charlottenhof Wohnheimen und Pflegeheimen

Kategorien: Alle, Pflege

10. Dezember 2014

Mein Koffer für die letzte Reise

„Was würde ich mitnehmen, wenn Gott mir ein kleines Reisegepäck zugestehen würde?“ – auf diese Frage antwortete in der St. Martin-Kirche in Badenhausen eine Ausstellung mit 30 Koffern, die Menschen im Alter von 13 bis 94 Jahren gepackt hatten. Im Rahmen dieser Aktion fanden ein Abend mit kurzen Vorträgen von Kirchenvorsteher Thomas Burgardt, der Leiterin des Seniorenheimes „Charlottenhof“,  Ute Reinhardt, der 19jährigen Nele Bercht und Pfarrer Thomas Waubke sowie intensiven Gesprächen statt.

Das Gotteshaus war sehr gut mit Menschen vieler Altersgruppen gefüllt. Sie schauten sich eingangs oder am Ende des sehr interessanten Abends  in der Ausstellung um, lauschten aufmerksam  den Vorträgen, um bei Gesprächen auch ihren letzten Koffer oftmals mittels in Worten gefasste Überlegungen zu packen. Umrahmt wurde der nicht alltäglich kulturelle Abend vom Organisten Peter Wendlandt, der übrigens auch einen Koffer gepackt und geöffnet hatte. Ein kleiner, aber feiner Imbiss wurde ebenfalls  gereicht.

Den informativen Rednerreigen eröffnete Kirchenvorsteher Thomas Burgardt. Er gewährte Einblicke in die Geschichte der Bestattung, die sich im Laufe der Jahrtausende immer wieder wandelte. So präsentierte er beispielsweise Bilder von 50 000 Jahre alten Höckergräbern, ebenso wie den Grabbelgraben der Merowinger, ein Gräberfeld aus dem Mittelalter, dem älteste Geschlecht der fränkischen Könige, das Grabmal von Otto I im Magdeburger Dom und die Habsburger Gruft. Der intensivste Ausflug führte nach Wien, wo das Grab des Komponisten Beethoven noch heute viele Touristen, insbesondere aus Japan, anzieht. In der Bundeshauptstadt von Österreich hat es übrigens Rettungswecker gegeben, die einst den Toten mit ins Grab gegeben wurden. Sollten sich Verwandte und Ärzte geirrt haben, und es war jemand lebendig begraben worden, konnte er sich mit diesem Mechanismus bemerkbar machen.

Im Blick auf heutige Bestattungskultur erwähnte Thomas Burgardt die USA, in denen Särge und Urnen oft sehr kreativ gestaltet werden.

Ute Reinhardt, Leiterin des Alten- und Pflegeheims „Charlottenhof“ in Badenhausen, erinnerte daran, dass in früheren Zeiten  – im Gegensatz zu heute – die Verwandten sich nach dem Tode um den Verstorbenen kümmerten. Sie wuschen und kleideten ihn neu ein, weil er durchaus mehrere Tage im Haus aufgebahrt wurde. Das sei damals ganz normal und nicht etwas gruselig oder unheimlich gewesen. Die Kinder wurden von dieser Zeremonie übrigens nicht ausgeschlossen.

Der Tod sei früher so etwas wie ein Gemeinschaftserlebnis gewesen. Man sei letztendlich nicht allein gestorben, und auch in der Trauer war man nicht auf sich selbst gestellt. Diese Sichtweise habe sich im Laufe der Zeit gewandelt, ebenso die Gesellschaft. Richtige Großfamilien sind selten geworden. Ein Todesfall war nicht mehr alltäglich, sondern ein Schicksalsschlag.

Waren früher die Toten auf den mitten in der Stadt gelegenen Kirchhöfen beerdigt, sind aus Platzgründen die Friedhöfe zumeist an den Stadtgrenzen zu finden – weit weg vom Alltag der Lebenden. Weil die Toten dorthin transportiert werden mussten, entstanden die ersten Bestattungsunternehmen. Sie übernahmen nach und nach immer mehr Aufgaben rund um den Trauerfall.

Ein selbstverständlicher Umgang mit einem Todesfall und Verstorbenen sei heute kaum denkbar, weil man es schlicht verlernt habe. In der heutigen Zeit wüssten viele Menschen schon nicht so recht, wie sie mit kranken oder alten Menschen umgehen sollen und begeben sich aus dem Grunde unbewusst auf Abstand.

Außerdem sterben die meisten Menschen heute in Krankenhäusern oder Heimen. Auch wenn sich in den letzten Jahren viele Hospizdienste gebildet haben und auch sogenannte Trauercafés gegründet wurden, können diese nicht die familiären Strukturen der Vergangenheit ersetzen.

Obwohl Leiden und Tod zu unserem Leben dazugehören und vor allem der Tod unausweichlich ist, erleben die meisten Menschen nicht mehr, dass Sterben normal ist und erlösend sein kann.

Zurzeit werde öffentlich und politisch die aktive Sterbehilfe debattiert. Bei dem Ruf nach Legalisierung werde immer wieder aufgeführt, dass man bei Tieren sinnloses Leiden verhindere. „Doch sind Krankheit, Siechtum und Schmerzen wirklich würdelos? Oder nimmt vielmehr der Tod auf Bestellung in unserer Leistungsgesellschaft dem Leben und Leiden die Würde?“, fragte die Referentin.

Im Rahmen ihrer Tätigkeit im Alten- und Pflegeheim „Charlottenhof“ versuche sie mit ihren Mitarbeitern die Tabus aufzubrechen. Sterbebegleitung habe einen großen Stellenwert. Angehörige würden mit einbezogen, und auch nach dem Tod sind sie gern gesehene Gäste. Durch Projekte mit Schulklassen, Kindergärten und Konfirmanden werde versucht, den jungen Menschen den Umgang mit alten und kranken Menschen nahe zu bringen. Sie habe in den zurückliegenden 20 Jahren schon viele Hände von Sterbenden festgehalten, und es sei immer wieder ein schönes Erlebnis gewesen, die Menschen in Würde gehen zu lassen.

Die 19-jährige Nele Bercht machte mit einer Zusammenfassung ihrer Seminararbeit über „Sterbehilfe“ deutlich, dass dieses Thema durchaus auch von jungen Menschen wahrgenommen wird. Sie verwies darauf, dass es neben der in Deutschland verbotenen aktiven Sterbehilfe auch die passive Sterbehilfe (das Sterbenlassen) und die legale indirekte Sterbehilfe gibt. Nicht verschwiegen werden dürften aber auch der sogenannte assistierte Tod und die palliative Begleitung, die erlaubt seien.

Sie zitierte den Standpunkt der evangelischen Kirche in Deutschland, die ihr Augenmerk auf die palliative Begleitung im Sterben richtet, bei der die Schmerzminderung und das Wahrnehmen des Sterbens als eigener würdiger Lebensphase wichtig sind.

Sie eröffnete die Diskussion mit dem aktuellen Fall einer jungen Frau aus den USA, die sich entschlossen hatte, ihrem Leben mit Tabletten ein Ende zu setzen, ehe es von einem Gehirntumor qualvoll zerstört worden wäre.

Pfarrer Thomas Waubke brachte zum Ausdruck, dass die ausgestellten Koffer „Transportmittel“ für wichtige Gespräche über das Tabuthema gewesen waren. Im Prinzip sei jeder Koffer eine persönliche Visitenkarte, welche sowohl die eigene Lebensgeschichte als auch Bilder widerspiegelten, wie sich die Besitzer den Blick in die Ewigkeit vorstellten.

Er hoffte, dass diese Ausstellung, die Vorträge und die Gespräche einen Weg zur Trauer und zur Hoffnung geebnet hätten. pb

 

 

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